Projekt Selbstverständigung über Drogengebrauch
Konzept der Selbsthilfe- und Forschungsgruppe des ProSD PDF Drucken E-Mail

Im Weiteren findet Ihr eine leicht verständliche Einführung in unser Konzept. Das vollständige Konzept, das eher wissenschaftlichen Charakter trägt und mit zahlreichen Verweisen ausgestattet ist, könnt Ihr hier als pdf herunterladen.

Einführung in das Konzept der Selbsthilfe- und Forschungsgruppe

Inhalt

Über den Umgang mit Drogen
Unsere Vorstellung von Drogengebrauch
Was wollen wir machen?
Was sind unsere Vorstellungen?
Warum Selbsthilfe?
Warum Forschung?
Zum Ablauf der Sitzungen

Über den Umgang mit Drogen

In jeder menschlichen Gesellschaft wurden und werden Drogen konsumiert. Der Umgang mit ihnen und die Inhaltsstoffe veränderten sich jedoch. So konnten erst mit der Entwicklung der Chemie Stoffe wie Kokain, Heroin, XTC oder andere pharmazeutische Drogen entstehen. Diese relativ neuartigen Stoffe sind in ihrer Wirkungsweise von den traditionell-europäischen Drogen wie Alkohol verschieden, der Umgang mit ihnen kann noch nicht auf eine lange Tradition zurückblicken. Die Auswirkungen auf Körper und Geist sind zudem noch nicht vollständig erforscht. Widersprüchlich ist der politische Umgang mit den verschiedenen Substanzen. Alkohol und Tabak gelten als legale Drogen, die in jedem Supermarkt beschafft werden können, deren Konsum in Maßen toleriert wird.

Jedoch zeichnen sich in den letzten Jahren auch hier Veränderungen ab. Auf der anderen Seite stehen die illegalisierten Drogen wie Kokain, Amphetamine etc. Ihr Besitz ist unter Strafe gestellt. Dabei hat die Trennung zwischen illegalen und legalen Drogen nichts mit ihrer Gesundheitsgefährdung für die Konsument_innen zu tun. Es gibt in der Geschichte kaum eine Droge, die nicht schon einmal legal und schon einmal illegal war. Politische, wirtschaftliche und ideologische Gründe spielen oft bei dem Verbot eines Stoffes eine größere Rolle als die tatsächliche Gefährdung. Die Interessen der Konsument_innen, um die es eigentlich gehen sollte, werden nicht nur nicht wahrgenommen, sondern oft abschätzig verurteilt.

Für Drogenkonument_innen können Drogen, ob legal oder illegal, ganz verschiedene Funktionen erfüllen: ausgelassenes, tagelange Feiern mit Freund_innen, das Austesten der eigenen Grenzen, das Aufbrechen von Denkmustern, Hemmungen können abgebaut werden. Der gemeinsame Rausch mit Freund_innen kann den trüben Alltag ein Stück weit in Vergessenheit geraten lassen. Andere Menschen wiederum benutzen Drogen um ihre Arbeits- und Alltagssituationen besser ertragen zu können. Oft sind die Umstände für sie auch nicht mehr anders lebbar.

Schließlich kann der Konsum von Drogen auch darauf abzielen, ein positives Gefühl immer wieder herbeizuführen. Die jahrelange Heroinkonsumentin Ann Marlowe bezeichnet ein solches Verhältnis zu einer Droge einen „Faible für die berechenbare Erfahrung“. Es geht dann nicht mehr darum, neue Erfahrungen zu machen, sich zu entwickeln, sondern darum, immer wieder die gleiche Erfahrung zu erreichen. Wenn das Bedürfnis nach einer solchen Befriedigung im Zentrum des Lebens steht, sprechen einige Autor_innen von ‚Sucht‘.

Diese Aufzählung der vielfältigen Gründe soll erstmal zeigen, dass es sie gibt, die guten Gründe, warum jemand Drogen konsumiert. Es ist jedoch damit noch nichts darüber gesagt, ob bzw. ab wann für einen Menschen der eigene Konsum schwierig oder problematisch geworden ist. Das Sprechen über die Gründe ist jedoch der erste Schritt sich über den jeweiligen Konsum auszutauschen.

Unsere Vorstellung von Drogengebrauch

Jede menschliche Handlung hat ihre zugrunde liegenden Gründe, so auch der Drogenkonsum. Ich konsumiere Drogen, weil ich dies oder jenes damit erreichen möchte (siehe ersten Abschnitt). Nicht nur der gelegentliche Konsum von Drogen jeglicher Art ist begründet, sondern auch der starke oder regelmäßige Konsum. D.h. jedoch nicht, dass der Konsum unproblematisch oder ohne Gefahren wäre. Begründet heißt in diesem Zusammenhang, dass aus der Sicht des/der Konsument_in Bedingungen - Situationen, Lebensumstände etc. - existieren, unter denen der Konsum von Drogen eine begründete Alternative ist.

So kann z.Bsp. das Fixer_innen Leben auf der Straße für einen Jugendlichen sehr ansprechend sein, wenn er/sie feststellt, dass ihr/sein Leben von den Eltern oder auch von den verschiedenen Institutionen (z.Bsp. Schule, Ausbildungsstätte) auf lange Sicht verplant worden ist. Wichtig ist es also herauszufinden worin der jeweilige Drogengebrauch begründet ist. Diese Frage ist oft nicht einfach zu beantworten, spielen doch viele Dinge eine Rolle. Die eigene Lebensgeschichte, die körperlichen Entzugssymptome und am wichtigsten die konkreten Lebensbedingungen in denen man sich befindet. Das Nachdenken über die Gründe für mein Verhalten – hier über meinen Konsum von Drogen- und den Bedingungen unter denen mein Verhalten für mich Sinn macht, kann zu überraschenden, weil von mir noch nicht so gesehenden, Einsichten führen.

Durch diese Vorstellungen (die einen wissenschaftlichen Hintergrund haben) grenzen wir uns von Auffassungen ab, die Drogenkonsum oder zumindest 'Sucht' als Krankheit auffassen. Ebenso teilen wir nicht die Auffassung, dass 'süchtiger' Konsum etwas ist, auf den die Betroffenen keinen Einfluss mehr haben. Weder ist 'Sucht' eine eine bleibende Krankheit, noch sind die Drogen stärker als die jeweilige Konsument_in. Solche Auffassungen tun so, als ob es keine guten Gründe geben würde Drogen zu konsumieren. Die Droge selbst erscheint als das alles Bestimmende und nicht mehr der Mensch der sie nimmt.

Lange Zeit wurden die Entzugssymptome als Hauptgrund für den Konsum von Drogen betrachtet. Man ging davon aus, dass der/die Konsument_in in einen Teufelskreis von Gebrauch der Droge und dem Entzug geraten ist und nicht mehr selbstständig heraus kommt. Diese Auffassung hat sich als völlig unbrauchbar erwiesen, um den gehäuften Konsum von Drogen zu erklären. Nach einer solchen Theorie müsste man nur clean werden, um endgültig von einer Droge loszukommen. Anscheinend gibt es für die Mehrheit der Konsument_innen‚gute Gründe‘, den Konsum nach einer Cleanphase wieder aufzunehmen. Ein anderer Drogen-Mythos ist, dass Drogenkonsum zwangsläufig in eine Abhängigkeit und von dort aus geradlinig entweder in Tod oder in die Drogenlangzeittherapie führt. In den letzten Jahren wurde diese Vorstellung etwas abgewandelt. Es wird zwar zugegeben, dass es einen kontrollierten Konsum von allen auf dem Markt befindlichen Drogen gibt, wenn ein Mensch aber einmal ‚abhängig‘ geworden sei, gebe es kein zurück mehr. Dann könne er/sie nie mehr kontrolliert mit einer Droge umgehen.

Wird Drogenkonsum als begründete Handlung verstanden, sind solche Vorstellungen nicht mehr haltbar . Warum sollte z.B. jemand der/die aus Einsamkeit zur Flasche greift, weiterhin regelmäßig trinken, wenn er/sie einen lieben Menschen gefunden hat? Er/sie wird vielleicht neue Gründe für den Konsum von Alkohol finden, aber damit würde sich auch sein/ihr Trinkverhalten ändern. Dass belegen auch zahlreiche wissenschaftliche Studien. So wurden z.B. amerikanische Vietnamveteranen untersucht, die während ihrer Stationierung in Vietnam regelmäßig Opium zu sich genommen hatten. Es stellte sich heraus, dass nur ein Bruchteil der Soldaten nach ihrer Heimkehr weiterhin in erheblichen Maße Opium konsumierten.

Andere Studien zeigen, dass kontrollierter Konsum von Drogen auch nach einer Phase regelmäßigen Konsums möglich, ja sogar ziemlich weit verbreitet ist. Viele Drogenkonsument_innen kennen Phasen von regelmäßigem und gelegentlichem Konsum, sowie Cleanphasen. Meistens wechseln sich diese Phasen ab. Außerdem gibt es viele Drogenkonsument_innen, die ihren Konsum ganz ohne professionelle Hilfe einstellen. Die oben dargestellten Theorien können diese Tatsachen nicht erklären.

Wird Drogengebrauch aber als begründet verstanden, können solche Veränderungen einerseits mit der Veränderung der Lebensbedingungen oder andererseits mit der Veränderung meiner jeweiligen Sicht auf diese Bedingungen erklärt werden. Dabei müssen die Gründe für den Konsum von Drogen oder solcher Veränderungen nicht unbedingt bewusst sein. Ein wichtiger Teil unserer Arbeit besteht gerade darin, die jeweiligen Gründe bewusst zu machen.

Das heißt, wir wollen die Frage stellen, welche ‚guten Gründe‘ es für den Konsum von Drogen gibt, also inwiefern der eigene Drogengebrauch funktional ist.

Es geht uns nicht darum, irgendeine Art des Konsums von Drogen zu empfehlen. Wir fordern weder totale Abstinenz, noch einen kontrollierten oder mäßigen Konsum. Uns geht es darum herauszufinden, welche Funktion eine Droge erfüllt, um dann gemeinsam zu überlegen, ob es eine gute Wahl ist, eine Droge auf diese Weise zu gebrauchen. Was dabei am Ende herauskommt, ist offen. Es hängt von den konkreten Lebensbedingungen und der persönlichen Sicht darauf ab.

Was wollen wir machen?

Der erste Schritt ist es herauszufinden, welche Gründe jemand hat Drogen zu konsumieren. Unser Angebot richtet an Menschen, die, auf welche Weise auch immer, ihren eigenen Konsum als problematisch einschätzen, also ein Problem haben und dieses lösen wollen. Es gibt ja viele Menschen die Drogen konsumieren, aber damit ganz gut klar kommen.

Wann liegt ein Problem vor? Schwierig kann der Gebrauch von Drogen dann werden, wenn die/der Konsument_in feststellt, dass der Konsum mit erheblichen Einschränkungen, Risiken, Unbehagen oder Ähnlichem verbunden ist, aber trotzdem als alternativlos erscheint.

Einige Beispiele: Nehmen wir an, ein Programmierer nimmt Speed, um ein bestimmtes Arbeitspensum zu schaffen. Erfüllt er es nicht, wird er wahrscheinlich seinen Job los. Der Speed-Konsum hat aber auch bestimmte Einschränkungen: Der Programmierer leidet unter dem Abturn, hat Zahnprobleme und verliert soziale Kontakte. Wie soll sich der Programmierer entscheiden? Er hat ein Problem.

Oder nehmen wir eine Jugendliche, die mit Freund_innen Cannabis konsumiert, um zu entspannen und das Beisammensein zu verschönern. Sie leidet aber darunter, dass ihr Verhalten illegal ist. Sie muss den Konsum vor Eltern, Lehrer_innen und der Öffentlichkeit verbergen und fühlt sich beobachtet. Sie hat ein Problem. Die Probleme, die man mit Drogen haben kann, sind vielfältig. Es gibt daher keine Patentlösungen. Eine Möglichkeit ein derartiges Problem zu lösen besteht darin, dass der eigene Blick auf die Einschränkungen die erfahren werden, sich ändert.

So könnte sich die Cannabiskonsumentin mit der Illegalität abfinden, sie vielleicht sogar zum Teil ihres Lebensstils machen. Und/oder sich mit anderen Menschen zusammensetzen und gemeinsam gegen das Verbot von Cannabis arbeiten. Das Problem wäre dann gelöst.

Eine andere Möglichkeit Probleme zu lösen besteht darin, neue Alternativen zu entdecken, die mit weniger Einschränkungen verbunden sind. Der Programmierer könnte z.B. einen neuen Job suchen, welcher mit weniger Stress verbunden ist. Solche Lösungen können oft schon durch etwas Nachdenken oder im Gespräch mit Freunden gefunden werden.

Manchmal sind Probleme aber hartnäckiger und Situationen erscheinen schier aussichtslos. Nehmen wir z.B. einen alleinerziehenden Vater, der regelmäßig Alkohol konsumiert, um der Belastung zu entrinnen, die er im Alltag empfindet.

Der Grund warum er trinkt ist es, den Stress den er empfindet, abzubauen. Weil er die negativen Auswirkungen seines Konsums auf die Kinder mitbekommt, hat er schon mehrfach versucht, das Trinken einzuschränken. Damit ist er aber immer wieder gescheitert. Er ist zu der Auffassung gelangt, dass er zu schwach und der Sog hin zur Falsche einfach zu stark sei. Vielleicht hat er ein Problem, dass sich nicht mehr so einfach lösen lässt.

In der ‚Selbsthilfe- und Forschungsgruppe‘ wollen wir über solche Probleme reden. Probleme, die Menschen nicht mehr aus eigener Kraft oder mit dem eigenen sozialen Umfeld lösen können. Dabei gibt es Probleme, die einfach nicht lösbar sind. Wenn der Programmierer z.B. keinen anderen Job finden kann, scheint sein Problem unlösbar. Er kann vielleicht eine Entscheidung treffen, ob er eher den Job riskieren oder eher die negativen Folgen des Speed-Konsums ertragen will; der Widerspruch bleibt aber bestehen. Er hat einfach keinen direkten Einfluss auf die Arbeitsmarktsituation. Es gibt aber auch genügend Fälle in denen man sich selbst bei der Findung einer Lösung im Weg steht. Dies ist die Situation in der man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Hier kann unsere Gruppe helfen, Klarheit über das wahrgenommen Problem zu bekommen und Wege suchen es zu lösen.

Wir wollen schauen, inwieweit Menschen an der Aufrechterhaltung ihres Problems selbst beteiligt sind. Z.B. indem sie bestimmte Vorstellungen über Drogen haben oder sie belastende Bedingungen für unveränderbar halten, obwohl sie veränderbar sein könnten. Dabei geht es auf keinen Fall darum, den Betroffenen den Schwarzen Peter zuzuschieben und sie für ihre Lage selbst verantwortlich zu machen. Es geht vielmehr darum, einen besseren Umgang mit bestehenden Widersprüchen zu finden.

Der alleinerziehende Vater übernimmt z.B. gängige Vorstellungen über Drogen: sie sind stark. Sich selbst bezeichnet sie als schwach. Beides macht bei genauerem Hinsehen eigentlich keinen Sinn. Weder kann eine Droge stark, noch eine Person schwach sein. Schwäche bezieht sich auf eine konkrete Situation. Wenn ich etwas unbedingt machen will und die Kosten gering sind, werde ich es auch tun und ‚stark‘ sein. Wenn ich aber etwas nur halbherzig machen will und die Risiken hoch sind, bin ich entsprechend weniger motiviert oder ‚schwach‘. Insofern bringt es einen nicht viel weiter, sich als ‚schwach‘ zu bezeichnen. Es lohnt sich eher zu schauen, warum man in einer bestimmten Situation nicht motiviert genug ist, etwas zu tun.

So betrachtet könnte man die Situation des Vaters weiter untersuchen. In welchen Momenten greift er zur Flasche? Unter welchen Bedingungen? Was ist das für ein Bedürfnis, das so übermächtig wird? Er könnte so einige Gründe für seine ‚Schwäche‘ oder mangelnde Motivation herausfinden: vielleicht fühlt er sich der Rolle als Vater in solchen Momenten nicht gewachsen, im Stich gelassen und einsam. Man könnte dann betrachten, welche Bedingungen zu diesen Gefühlen führen und gemeinsam andere Wege suchen.

In diesem Fall haben die Vorstellungen des Mannes zu der Aufrechterhaltung des Problems beigetragen. Anstatt sich seine konkreten Lebensbedingungen anzusehen und diese zu verändern hat er sich als ‚schwach‘ bezeichnet und die Drogen selbst als Grund für den Konsum angeführt (sie sind ‚stark‘). Solche Vorstellungen entstehen nicht einfach im Kopf der einzelnen Menschen, sondern sind in unserer Gesellschaft weit verbreitet und durch Medien, Politik und Kultur gefördert.

Uns geht es also darum, den Zusammenhang von einem subjektiven Problem und den Lebensbedingungen aufzuschlüsseln, um neue Handlungsmöglichkeiten zu gewinnen. Dabei geht es nicht nur darum, die Sicht auf das Problem zu verändern, sondern vor allem belastende Bedingungen zu erkennen und zu verändern. Das kann oft nur in Zusammenarbeit mit anderen geschehen. Bei der Aufschlüsselung der Bedingungen eines Problems kann es auch nötig sein, zu untersuchen, inwieweit der/die Betroffene selbst Anteil an der Verschleierung der Bedingungen, also der Aufrechterhaltung des Problems hat.

Was sind unsere Vorstellungen?

Wenn wir davon sprechen, Gründe und Bedingungen aufzuschlüsseln, brauchen wir dazu „Werkzeuge“. Es existieren verschiedene Wege ein Problem zu erklären. Wenn man z.B. davon ausgeht, dass fast alle Probleme dadurch entstehen, weil die Menschen nicht mehr an Gott glauben, könnte man bei dem alleinerziehenden Vater zu dem Ergebnis kommen: Er trinkt, weil er nicht mehr an Gott glaubt. Jemand anderes würde vielleicht sagen: Er trinkt, weil er eine Mutter hatte, die ihn vernachlässigte. Im ersten Beispiel wurde die Religion bemüht, um das Problem zu erklären, im zweiten die persönliche Geschichte.

Weil es also so wichtig ist welche „Werkzeuge“ benutzt werden um ein Problem zu erklären, wollen wir unsere genauer darstellen. Wir stützen unsere Arbeit auf die Kategorien der Kritischen Psychologie. Diese Wissenschaftsrichtung hat ein Denkmodell entwickelt, welches einerseits allgemeine gesellschaftliche Bedingungen miteinbezieht und andererseits die menschliche Besonderheit herausgearbeitet hat. Wir benutzen dieses Modell, weil es uns Werkzeuge in die Hand gibt, um das eigene Verhalten besser verstehen zu können. Ziel unserer Arbeit ist es auch, so weit wie gewünscht, diese Werkzeuge und die dahinter stehenden Annahmen zu vermitteln. Offenheit und Transparenz sind für uns wichtige Grundpfeiler der gesamten Gruppenarbeit.

Im Zentrum der kritisch-psychologischen Theorie steht die Auffassung, dass Menschen immer begründet handeln. Das heißt, dass sie sich nie bewusst schaden, sondern immer nach ihren Interessen handeln, so wie sie sich einem darstellen. Selbst wenn ein Mensch sich das Leben nehmen möchte, geschieht dies in seinem Interesse und ist aus seiner Sicht begründet. Der Freitod erscheint als die beste Möglichkeit, die eigenen Interessen wahrzunehmen.

Die Gründe für menschliches Handeln sind nicht einfach Eingebung oder von göttlicher Natur. Sie wurzeln in den Lebensbedingungen einer Person. Überhaupt ist der Mensch nur im Zusammenhang mit anderen Menschen und der ganzen Gesellschaft zu verstehen. Handeln bezieht sich immer auf die gesellschaftlichen Bedingungen. Selbst wenn ich eine Suppe esse, brauche ich das gesellschaftliche Wissen über die Funktion eines Löffels. Um als Mensch überleben zu können, braucht man immer Wissen über gesellschaftliche Denkformen. Gründe stehen immer im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Denkformen. Wir können überhaupt nur mithilfe gesellschaftlicher Denkformen selbst denken.

Möchte man einem Menschen erklären der noch nie etwas von Maschinen gehört hat, warum man jeden Tag in ein großes, lautes Gebäude geht, aus dem metallerne Gegenstände herauskommen, müsste man erstmal eine ganze Reihe gesellschaftlicher und technischer Zusammenhänge erklären, bevor dieser irgendetwas versteht.

Da wir in vielen gesellschaftlichen Denkformen sicher sind, reicht es bei uns zu sagen „Ich arbeite in dieser Fabrik“. Dabei können gesellschaftliche Denkformen nicht nur Dinge erklären, sie können sie auch verschleiern. So bei dem alleinerziehenden Vater, der sich einer Denkform bedient, die es ihm erschwert, seine Lebenssituation zu verstehen.

Der zweite wichtige Punkt ist, dass sich Menschen zu den gesellschaftlichen Bedingungen verhalten können. Während Tiere nur auf Bedingungen reagieren, machen Menschen ihre Bedingungen selbst. Die ganze Gesellschaft, die Häuser, Fabriken und Straßen ist bzw. sind von Menschen geschaffen und durch Menschen veränderbar. Der Mensch hat immer die Möglichkeit, sich zu Bedingungen zu verhalten. Er kann unter ihnen leben, er kann sie aber auch verändern.

Was die ganze Sache kompliziert macht, ist die Tatsache, dass unsere Gesellschaft nicht ein freier Zusammenschluss von Menschen ist, die in gemeinsamer Arbeit ihr Auskommen sichern, sondern von Herrschaft und Macht durchkreuzt wird. Wenige Menschen leben davon, dass sie viele andere Menschen für sich arbeiten lassen. Die Schere zwischen arm und reich geht immer weiter auseinander. In unserer Gesellschaft verfügen einige Wenige über mehr Macht als die Vielen, welche in unsicheren Lebensverhältnissen leben müssen. Im Kapitalismus geht es nicht um die Bedürfnisse und Interessen von allen Menschen, sondern um die Vermehrung von Kapital, wovon einige mehr profitieren als andere.

Dass der alleinerziehende Vater nicht weiß, wie er über die Runden kommen soll, einzelne Personen aber ein Privatvermögen haben, das größer ist als das Bruttoinlandsprodukt ganzer Nationen ist kein Naturgesetz, sondern Ergebnis einer Gesellschaft, die es erlaubt, dass sich Reichtum und Macht in den Händen einiger Weniger befindet.

Der Programmierer, der Speed konsumiert, um seinen Arbeitsplatz nicht zu verlieren, bekommt das am eigenen Leib zu spüren. Während Millionen Menschen arbeitslos sind und gerne arbeiten würden, wird er mit einem Arbeitspensum belastet, das er ohne Drogen nicht erfüllen kann. Auch die Drogengesetze sind keinesfalls die freie Übereinkunft von Menschen, die sich vor den Risiken des Drogengebrauchs schützen wollen. Sie sind aus wirtschaftlichen und politischen Erwägungen entstanden. Fast alle Bereiche des menschlichen Lebens werden dem allgemeinen Profitinteresse untergeordnet.

Viele Probleme, die Menschen in ihrem alltäglichen Leben haben, sind direkt oder indirekt mit diesem Umstand verbunden. Die unlösbaren Probleme, von denen wir weiter oben gesprochen haben, sind meistens gar nicht unlösbar, sondern erfordern grundlegende Veränderungen der Gesellschaft. Der Programmierer könnte ja auch, wenn der Arbeitsmarkt keine anderen Jobs hergibt mit anderen Betroffenen für eine allgemeine Verkürzung der Arbeitszeit kämpfen, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Er könnte auch mit anderen Programmierern Kontakt aufnehmen und gemeinsam von den Unternehmen niedrigere Arbeitsbelastungen fordern. Das alles liegt in der Möglichkeit der Menschen, weil all die Bedingungen, in denen wir leben, von Menschen geschaffen und veränderbar sind.

Das Problem für den Programmierer ist, dass er durch solche Aktionen massiv seinen Arbeitsplatz gefährdet. Bekommt der/die Auftraggeber_in mit, dass es sich bei ihm um einen ‚Unruhestifter‘ handelt, kann es passieren, dass er seinen Job verliert. Der Programmierer hat also die Möglichkeit, sich mit den gegebenen Bedingungen zu arrangieren und sie z.B. durch den Konsum von Speed ertragbar zu machen, er kann sich aber auch mit anderen für eine Veränderung der Bedingungen einsetzen. Das ist allerdings mit einem hohen Risiko verbunden, seine bisher erreichten Möglichkeiten – in diesem Fall den Job – zu verlieren.

Nun werden viele Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind, gar nicht daran denken, dass man die eigenen Lebensbedingungen zusammen mit anderen Betroffenen verändern kann. Sie werden sich vielleicht sagen, dass die wirtschaftliche Situation nun einmal so ist, dass alle mehr arbeiten müssen oder dass man ohnehin nichts verändern kann. Solche Denkformen werden einem von Politik und Medien auch nahegelegt. Auf den ersten Blick wahrt der Programmierer seine eigenen Interessen. Er geht nicht das Risiko ein seinen Job zu verlieren, dies ist verständlich. Die situation ist jedoch verzwickter: Dadurch das er sich mit den Arbeitsbedingungen arrangiert, trägt er mit dazu bei das diese sich gegen ihn richten, diese sich nicht verändern. Es könnte sein , dass er die Möglichkeit der gemeinsamen Veränderung der Bedingungen auch gar nicht sieht, vielleicht schiebt er alle negativen Folgen seines Verhaltens auf seinen Speed-Konsum, statt auf seine Lebens/Arbeitsbedingungen. „Wenn ich nur nicht so viele Drogen konsumieren würde“, denkt er vielleicht.

Man könnte versuchen, das Problem auf der individuellen Ebene zu lösen und dem Programmierer z.B. andere Möglichkeiten aufzeigen, wie er dem Druck ohne dem Speed mit seinen negativen Folgen standhalten kann. Das ist aber nicht unser Ansatz. So verschiebt man das Problem meistens nur. Wir wollen die Zusammenhänge, so wie sie sind, herausarbeiten, damit die Betroffenen sich bewusst für eine – hoffentlich weniger problematische – Handlungsweise entscheiden können.

In der Kritischen Psychologie wird eine Handlungsweise, die eine dauernde Selbstschädigung nach sich zieht, als ‚restriktiv‘ bezeichnet. Also Handlungsweisen die kurzfristig zwar meine Interessen entsprechen, jedoch langfristig dazu beitragen, dass ich die Bedingungen mit aufrecht erhalte unter denen ich leide. Im Gegensatz hierzu sprechen wir von verallgemeinerten Handlungen, wenn versucht wird mit anderen gemeinsam die Lebensbedingungen zu verändern. Es geht uns nicht darum, für eine der beiden Möglichkeiten zu werben oder die eine als besser und die andere als schlechter zu bewerten. Jeder von uns handelt ständig sowohl ‚restriktiv‘ als auch ‚verallgemeinert‘. Es geht darum, Probleme aufzuschlüsseln und zu schauen, wie der Betroffene z.B. durch das Ausblenden von Möglichkeiten, ein Problem festigt statt es zu lösen.

Warum Selbsthilfe?

Unter Selbsthilfe wird oft verstanden, dass sich ausschließlich Betroffene ohne ‚professionelle‘ Hilfe treffen und versuchen, ihre Probleme zu lösen. Wir betrachten Selbsthilfe etwas anders. Für uns steht Selbsthilfe für eine andere Art der Unterstützung. Normalerweise hat Sozialarbeit fest gesetzte Ziele. In der Drogenarbeit z.B. die Abstinenz der Betroffenen oder zumindest eine Reduzierung ihres Konsums. Das Ziel der Arbeit wird nicht durch die Betroffenen, sondern durch Politik oder Institutionen festgelegt. In der Arbeit geht es dann darum, diese Ziele bei den Betroffenen durchzusetzen, sie für die Ziele zu motivieren usw. Dahinter steht die Vorstellung, dass Menschen in einer bestimmten Weise funktionieren sollen.

Wir lehnen es ab, Menschen lediglich für diese Gesellschaft funktionstüchtig zu machen. Unser Anspruch ist es, die allgemeinen Lebensbedingungen so zu gestalten, dass alle Menschen selbstbestimmt und zufrieden leben und sich entwickeln können. Deshalb geht es uns auch nicht darum, bestimmte Ziele durchzusetzen, sondern die Betroffenen in die Lage zu versetzen, zu verstehen, welche Lebensbedingungen für ihre Probleme verantwortlich sind. Wir haben also auch einen politischen Anspruch, der nicht irgendwie entstanden ist, sondern auf der Einsicht beruht: Nur wenn alle ihre Fähigkeiten und Interessen frei entwickeln können, dies auch jedEr Einzelne kann.

Unsere Arbeit schließt die Solidarität mit und die Unterstützung der Betroffenen ein. Grundsätzlich geht es darum, dass jede Person für sich mit anderen die gegenwärtigen Lebensbedingungen erkennt und dort wo sie sich als Hindernisse darstellen verändert.

Unsere Aufgabe besteht darin, Werkzeuge zu liefern, um die Lebenssituation der Betroffenen verständlich zu machen und aufzuschlüsseln. Wir haben uns mit Psychologie und mit kritischen Gesellschaftstheorien eingehend beschäftigt und können unser Wissen zur Verfügung stellen. In dieser Hinsicht sind wir Experten. Die Betroffenen sind Experten ihrer eigenen Lebenssituation. Wir hoffen, dass sich das Wissen der Experten mit der Zeit annähern kann. Das wir unser Wissen an die Betroffenen und die Betroffenen ihr Wissen an uns weitergeben können.

Warum Forschung?

‚Forschung‘ mag für den einen oder anderen abstoßend wirken. Man stellt sich vor, als Versuchskaninchen unter die Lupe genommen zu werden. Oft läuft Forschung auch so ab. Ein Versuchsleiter gibt bestimmte Anweisungen und die Beforschten sollen sie ausführen. Aus den Ergebnissen zieht der Forscher dann seine Schlussfolgerungen.

Wir sind der Überzeugung, dass eine solche Forschung nicht geeignet ist, menschliches Verhalten angemessen zu erfassen. Viel sinnvoller ist es, Handeln im konkreten sozialen Umfeld zu untersuchen. In unserer Arbeit geht es nicht darum, vorher gesetzte Ziele an den Betroffenen durchzusetzen, sondern vom Betroffenen empfundene Probleme zu lösen, mit ihm neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Von daher kann es in der Forschung auch nicht darum gehen, zu schauen, wie jemand auf diesen oder jenen Reiz reagiert. Es kann nur darum gehen, die Erkenntnisse, die jemand über seine Situation gesammelt hat, anderen verständlich zu machen.

Ziel der Forschung ist es, das Wissen, das wir in unserer Arbeit sammeln und die Veränderungen, die jemand macht, anderen Betroffenen zugänglich zu machen. Es gibt bestimmt Leute, die in ähnlichen Situationen sind, wie Teilnehmer unserer Gruppe. Sie können von den Erfahrungen der Teilnehmer profitieren.

Damit das funktioniert ist meist mehr nötig, als einfach nur die Sitzungen auf Tonband aufzunehmen und sie anderen vorzuspielen. Man muss schauen, welche Teile der Erfahrung von Teilnehmern andere Betreffen könnten und welche eher speziell sind. Außerdem ist es wichtig, die Ergebnisse zu systematisieren, damit andere sie auch nachvollziehen können.

Um eine solche Forschungsarbeit leisten zu können, wäre es gut, die Sitzungen aufzuzeichnen. Die Aufzeichnungen sind nur einem kleinen Personenkreis zugänglich, der unter der Schweigepflicht steht. Die Aufzeichnungen werden dann anonymisiert niedergeschrieben. Bevor davon irgendetwas ausgewertet wird oder an die Öffentlichkeit kommt, hat jeder Teilnehmer noch einmal die Möglichkeit, die Texte zu lesen und Streichungen oder Korrekturen vorzunehmen. Teilnehmer können jederzeit die Verwertung und Speicherung der Gespräche verbieten.

Das ist uns besonders wichtig, weil wir nicht hinter dem Rücken der Teilnehmer, sondern mit ihnen zusammen forschen wollen. Wenn Forschung darin besteht, die eigenen Erfahrungen anderen verständlich zu machen, müssen diejenigen, die die Erfahrung machen, an dem Auswertungsprozess beteiligt werden.

Zum Ablauf der Sitzungen

Die Sitzungen der Selbsthilfe- und Forschungsgruppe finden einmal wöchentlich statt und sollen etwa zwei Stunden dauern. Diese Zeit wollen wir nutzen, um mit den Teilnehmenden Probleme im Zusammenhang mit Drogen zu besprechen. Die Gruppe ist offen, d.h., es können jederzeit neue Leute dazustoßen und niemand ist verpflichtet regelmäßig zu kommen. Das ist uns wichtig, damit Menschen, denen aus den verschiedensten Gründen eine klare Zeitplanung schwer fällt, nicht von vornherein ausgeschlossen sind. Legen die Teilnehmenden auf einen vertraulichen Rahmen wert, besteht auch die Möglichkeit, in einer geschlossenen Gruppe gesondert zu arbeiten. Außerdem sind auf Wunsch gesonderte Gruppen für Frauen, bestimmte Alters- oder Konsumentengruppen machbar.

Wir empfehlen jedem Teilnehmenden, ein Problemtagebuch zu führen. In ein solches Tagebuch kann man alle Aspekte, die für das Problem wichtig sind, hineinschreiben. Z.B. könnte man notieren, zu welchem Zeitpunkt man aus welchen Gründen eine Droge konsumiert. Sinn macht es auch, Erfahrungen aufzuschreiben, die den Blick auf ein Problem verändert oder bestärkt haben. So könnte man beispielsweise schreiben, wenn man ein wichtiges Gespräch mit einem Freund geführt hat. Auch Gefühle im Zusammenhang mit dem Problem können wichtig sein. Besonders interessant sind natürlich Veränderung, die durch die Arbeit in der Selbsthilfe- und Forschungsgruppe entstanden sind. Die Mitarbeiter des ProSD helfen den Teilnehmern gern dabei, ein Tagebuch sinnvoll zu führen.

Ein Tagebuch kann dabei helfen, Probleme zu verstehen und sie bewusst zu machen. Außerdem tragen sie dazu bei, anderen Teilnehmenden das Problem zu verdeutlichen. Anhand des Tagebucheintrags lässt sich besser nachvollziehen, welche Vorstellungen die Betroffenen über ihre Probleme haben und ob sie sich vielleicht selbst bei der Lösung im Wege stehen. Ein Problemtagebuch zu führen ist hilfreich, jedoch kein muss. Welche Abschnitte daraus vorgestellt werden, ist den Teilnehmenden überlassen.

Wie die Sitzungen gestaltet werden, hängt von den Teilnehmende selbst ab. Im Folgenden wollen wir aber eine grobe Struktur schildern, die uns zunächst einmal als sinnvoll erscheint. Später kann sie aber zusammen mit den Teilnehmenden verändert werden. Die Sitzungen werden von einer Mitarbeiter_in des ProSD moderiert. Andere Mitarbeiter_innen können wie Teilnehmende an den Sitzungen teilnehmen. Zu Beginn jeder Sitzung hat jedeR Teilnehmer_in in einem ‚Blitzlicht‘ die Möglichkeit, kurz darüber zu sprechen, wie es ihm/ihr geht, welche Erfahrungen er/sie gemacht hat und ob er/sie Kommentare zur letzten Sitzung hat.

Anschließend sollen konkrete Probleme diskutiert werden. Dazu sollten ein oder mehrere Teilnehmer_innen ein Thema bzw. ein Problem darstellen. Für die Vorbereitung kann es sinnvoll sein, den anderen Gruppenmitgliedern zuvor Material zur Verfügung zu stellen. Das können theoretische Texte zu dem Thema, schriftliche Gedanken oder Auszüge aus dem Problemtagebuch sein.

Die Teilnehmer_innen sollten auf der Sitzung zunächst versuchen, das Problem möglichst ohne Auslassungen und Verkürzungen darzustellen. Eine solche Darstellung des Problems kann oft schon ein wichtiger Teil der Arbeit sein und von anderen Teilnehmenden und der Moderator_in unterstützt werden. Schließlich sollte der/die Betroffene seine/ihre Vorstellung von den Ursachen des Problems darstellen.

Es geht erstmal darum, die Gründe für das Handeln des/der Betroffenen herauszuarbeiten. Warum nimmt er/sie Drogen? Oder warum ist ihm/ihr das unangenehm? Warum hat er/sie noch nicht dieses oder jenes probiert? Es geht z.B. darum, welche Funktion eine Droge im Leben hat. Bei der Herausarbeitung der Gründe kann es auch um die Vorstellungen des Betreffenden über das Problem gehen. Der alleinerziehende Vater aus dem Beispiel weiter oben würde auf die Frage, warum er Drogen nimmt wahrscheinlich sagen: „Weil ich schwach bin“. Die Gruppe könnte dann hinterfragen, ob das wirklich ein Grund ist oder ob nicht eigentlich andere Gründe dahinter stehen, die dem Vater nicht bewusst sind, z.B. ihre Überforderung. Die anderen Teilnehmer_innen können auch eigene Erfahrungen einbringen, sie mit der Erfahrungen des Betroffenen vergleichen usw. Die ProSD-Mitarbeiter_innen können den Prozess durch psychologisches Wissen bereichern.

Durch das Verstehen der Gründe für den eigenen Konsum und dem Herausarbeiten der eigenen Vorstellungen über das Problem, können neue Handlungsmöglichkeiten entwickelt werden. Der Vater könnte sich z.B. mit anderen Eltern zusammentun und wechselseitig auf die Kinder aufpassen, um sich zu entlasten.

Das Sprechen über die Gründe und deren Bedingungen hat das Ziel die eigene Lebenssituation zu verändern. In einer späteren Sitzung wird dann geschaut, ob die gefundenen Vorschläge zu einer Verbesserung oder Beseitigung des Problems geführt haben. Dieses Berichten über den Erfolg oder Misserfolg gehört genau so in die darauf folgenden Sitzungen, wie die Suche nach anderen Lösungswegen, wenn die jeweilige Situation sich nicht ausreichend verbessert hat.

Die Moderator_innen achten darauf, dass auch zurückhaltende Teilnehmende zu Wort kommen können. Sie versuchen für eine offene und gemeinschaftliche Stimmung zu sorgen. Sexistische, rassistische oder beleidigende Aussagen von Teilnehmenden werden thematisiert. Wenn alle Teilnehmer_innen dem Zustimmen, werden die Sitzungen auf Tonband aufgezeichnet, ansonsten protokolliert. Nach jeder Sitzung treffen sich die Mitarbeiter_innen des ProSD und alle interessierten Teilnehmer_innen zu einer wissenschaftlichen Auswertung. Hier wird diskutiert, wie die stattgefundenen Prozesse sinnvoll wissenschaftlich verallgemeinern werden können. Die Ergebnisse dieser Auswertung werden auch auf der nächsten Sitzung kurz erläutert.